Es gibt dieses eine Geräusch, das den Spätsommer schlagartig beendet. Ein hartes, trockenes Klack, gefolgt von einem kurzen Hüpfen auf dem Beton.
Wenn wir Ende September unter den großen Bäumen entlanglaufen, zuckt mein linkes Ohr bei jedem Windstoß nach oben. Aus fünfzehn Metern Höhe kündigt sich nichts an. Kein Rascheln, keine Vorwarnung. Nur dieser dumpfe Schlag, wenn eine grüne Kugel mit Stacheln auf das Gehwegpflaster knallt, in zwei ungleiche Hälften bricht und ihr braunes, glänzendes Herz über die Steine schickt.
Im ersten Moment sieht es aus wie ein Wurfspielzeug. Mein Körper spannt sich an, die Pfoten federn ein, die Nase geht blitzschnell nach vorne. Aber sobald die Kugel rollt, merke ich: Das hier gehorcht ganz anderen Regeln.
Die unberechenbare Physik der Rosskastanie
Mein gewohnter Ball aus gelbem Naturkautschuk verhält sich berechenbar. Wenn mein Mensch ihn wirft, beschreibt er eine saubere Kurve durch die Luft, prallt in einem vorhersehbaren Winkel ab und rollt geradeaus durch das Gras, bis er von selbst ausläuft.
Eine Rosskastanie tut nichts davon.
Sie ist keine Kugel. Sie hat eine abgeflachte, matte Seite, eine harte Wölbung und ein unregelmäßiges Gewicht. Trifft sie auf eine Gehwegplatte, springt sie nicht gerade nach vorn, sondern bricht plötzlich im Neunzig-Grad-Winkel zur Seite aus. Auf Kopfsteinpflaster taumelt sie wie ein kleiner Käfer, prallt an einer Kante ab und rollt zischend in eine Ansammlung welker Lindenblätter.
Ein Kautschukball folgt den Gesetzen der Wurfleine. Eine Kastanie folgt nur dem Gefälle des Gehwegs und dem Zufall.
Wenn ich meine Nase an eine frisch gefallene Kastanie halte, riecht sie völlig fremd. Kein Gummi, kein Speichel, keine Wiese. Sie riecht nach feuchter Rinde, kaltem Gerbstoff und diesem leicht bitteren Pflanzensaft, der aus der aufgeplatzten grünen Schale austritt. Wie ich schon einmal festgestellt habe, als ich den Spaziergang in Gerüchen gemessen habe, ist der Herbst reich an neuen Schichten: Die kühle Luft drückt den Duft von nassem Holz und bitterem Laub dicht an den Boden.
Das Ritual der Jackentasche
Während ich noch die Flugbahn berechne, bleibt mein Mensch stehen.
Sie bückt sich langsam. Ihre Knie knacken leise, und sie greift mit zwei Fingern nach der glatten Kugel auf dem Pflaster. Sie wischt mit dem Daumen über die dunkle Schale, dreht sie ein paar Mal im Kreis und lässt sie dann in der rechten Seitentasche verschwinden.
Ich beobachte das von unten mit spitzem Kopf. Es ist das gleiche Phänomen, das jedes Jahr im September wiederkehrt. Seit die Jacke mit den tiefen Taschen wieder an der Wohnungstür hängt, füllt sie sich mit Dingen, die kein Hund verwerten kann. Früher dachte ich, sie hebt die Kastanie auf, um sie gleich für mich zu werfen. Ich stand sprungbereit da, die Rute waagerecht in der Luft, den Blick fest auf ihre Hand gerichtet.
Aber der Wurf kam nie. Menschen sammeln Kastanien nicht zum Spielen. Sie stecken sie ein, um während des Gehens mit den Fingern in der Tasche daran herumzudrehen. Es scheint ihnen Ruhe zu geben, wie ein glatter Handschmeichler gegen den heraufziehenden Herbstwind.
Warum Kastanien nichts im Hundemaul verloren haben
So verlockend das unruhige Kullern auf dem Gehweg auch ist: Zwischen Riechen und Zupacken liegt eine Grenze, die mein Mensch sehr ernst nimmt.
Im letzten Herbst wollte ich eine besonders große Kastanie mit den Backenzähnen packen. Kaum berührten meine Lefzen die Schale, ertönte von oben ein scharfes, unmissverständliches Wort: „Aus!“
Damals verstand ich die Aufregung nicht. Heute weiß ich, dass diese Vorsicht berechtigt ist. Wie die Tierschutzorganisation TASSO in ihrem Herbst-Ratgeber für Hundehalter betont, gehören Kastanien weder ins Hundemaul noch taugen sie als Wurfspielzeug.
Dafür gibt es zwei handfeste Gründe, die man aus Hundehöhe leicht unterschätzt:
1. Die Gefahr im Magen-Darm-Trakt
Kastanien sind hart, glatt und glitschig, sobald Speichel daran haftet. Wenn ein Hund im Eifer des Spiels danach schnappt, rutscht die Nuss leicht nach hinten in den Rachen. Wird sie im Ganzen verschluckt, kann sie im Magen oder im engen Darm steckenbleiben und einen lebensbedrohlichen mechanischen Darmverschluss verursachen, der oft nur durch eine Notoperation behoben werden kann.
2. Bittere Schutzstoffe
Rosskastanien schützen sich vor Fressfeinden durch sogenannte Saponine und Aescin. Diese Wirkstoffe sitzen sowohl in der stacheligen Schale als auch im braunen Fruchtfleisch. Zerbeißt ein Hund die Kastanie und nimmt Teile davon auf, reizen die Bitterstoffe die Schleimhäute empfindlich. Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall sind die unmittelbare Folge.
Dazu kommt der Untergrund: Die herabgefallenen, aufgesprungenen Schalen liegen oft mit den Stacheln nach oben im nassen Laub. Wer als Hund unachtsam hineintritt, holt sich leicht winzige Splitter in die Ballen.
Drei Beobachtungen für den Gehweg im September
Wenn die Alleen ihre Fracht abwerfen, lässt sich der Spaziergang trotzdem wunderbar genießen. Drei einfache Gewohnheiten machen den Herbstweg für Mensch und Hund entspannt:
- Die Kuller-Neugier umlenken: Das Geräusch einer rollenden Kastanie weckt den Jagdinstinkt. Statt die Kastanie zu jagen, hilft ein mitgebrachter Kautschukball aus der Tasche, der weich im Fang liegt und die Zähne schont.
- Mit der Nase erkunden, nicht mit den Zähnen: Die Nase darf die frischen Holznoten und das feuchte Laub ausgiebig abschnüffeln. Schnüffeln strengt den Kopf an und befriedigt die Neugier, ohne dass etwas im Magen landet.
- Pfoten nach der Runde kurz abstreifen: Vor der Haustür lohnt sich ein kurzer Blick zwischen die Zehen. Oft klemmt eine kleine Stachelspitze im dichten Fell zwischen den Ballen, die sich mit zwei Handgriffen entfernen lässt.
Der Wind weht heute wieder stärker durch die Baumkronen. Drüben an der Laterne klackt es schon wieder auf dem Gehweg. Mein Mensch greift in ihre Tasche, spürt die gesammelten Kastanien zwischen den Fingern und lächelt. Ich schnuppere kurz an der nächsten Schale, lasse sie liegen und laufe weiter. Wir haben beide unseren Rhythmus gefunden.
